Impuls in besonderen Zeiten - Nr. 40

Liebe Schwestern und Brüder,

der Nobelpreisträger Albert Camus hat in den 1940er Jahren einen Roman mit dem Titel „Die Pest“ geschrieben.

Das Buch verkauft sich in Corona-Zeiten gut. Ich habe es bereits als junge Frau, also gestern, gelesen und dachte, och, du bist alt und vergesslich geworden, kannze ja nochmal lesen …. Dabei interessierte mich vor allem die Person des Jesuitenpaters.

Der frei erfundene Roman ist aus der Sicht des Arztes Rieux geschrieben, der vor rund 80 Jahren in seiner Stadt am Mittelmeer praktiziert. Die Pest bricht aus.

Nach dem ersten Pestmonat im Frühjahr hält Pater Paneloux eine Gebetswoche ab. Die Menschen strömen in Scharen in die Kirche. Er predigt hitzig und leidenschaftlich, dass die Pest eine gerechte Strafe Gottes sei. „Ihr habt geglaubt, ihr könnt mit ein paar Kniefällen eure verbrecherische Sorglosigkeit bei IHM wieder gutmachen?“ Nein, die göttliche Gnade sei keine billige. Und doch hoffe er wider alle Hoffnung, dass trotz des täglichen Grauens das einzig wahre christliche Wort – die Liebe – Gott erreiche und dieser entsprechend handle.

Der Arzt, zu seiner Meinung befragt, äußert sich dazu verhalten. Er habe zu lange in den Krankenhäusern gearbeitet, um an eine göttliche Kollektivstrafe zu glauben.

Der Pater, mittlerweile im heißen Sommer in führender Position des Sanitätstrupps der Stadt, ist neben dem Arzt am Krankenbett eines qualvoll sterbenden Kindes. Das verlangt psychisch das Äußerste ab. „ Aber vielleicht müssen wir lieben, was wir nicht verstehen können.“ „Nein“, antwortet Rieux, „ich werde mich bis zum Tod weigern, diese Schöpfung zu lieben, in der Kinder gemartert werden …. Das Heil des Menschen ist ein zu großes Wort für mich. Mich interessiert seine Gesundheit, in erster Linie seine Gesundheit…… und ob Sie wollen oder nicht, wir sind zusammen da, um zu erleiden und zu bekämpfen.“ „Sehen Sie“, murmelt der Pater, „ jetzt kann Gott selbst uns nicht trennen.“

An einem windigen Herbsttag predigt Paneloux wieder, diesmal in einer deutlich schwächer besuchten Kirche. Statt „ihr“ nutzt er „wir“. Trotzdem gelte das, was er zuvor gepredigt habe. Allerdings habe er erkannt, dass es ihm in seiner Wortwahl an Nächstenliebe gefehlt habe. Wahr bliebe, dass selbst in der grausamsten Prüfung eine Lernchance läge. Die bestehe weniger darin, christliche Erklärungen zu suchen oder den billigen Trost der Wonnen der Ewigkeit zu beschwören. „Liebe Brüder“, predigt er, „der Augenblick ist da. Man muss alles glauben oder alles leugnen. Und wer unter euch würde es wagen, alles zu leugnen?“ Jede Gleichgültigkeit sei verbrecherisch. Nur das Hineinspringen mitten in dieses Unannehmbare kindlichen Leids sei der Weg der Wahrheit. Weder dürfe man die Pest denen an den Hals wünschen, die es in einem Anfall selbstgerechter Urteilsanmaßung verdienen noch dürfe man die Hostie mit der Pinzette halten, um den Kontakt mit den feuchten warmen Mündern zu vermeiden. Wenn die sehr menschliche Furcht vor Leid alles durchdringe, seien alle verloren.

Mit dem beginnenden Winter stirbt der Pater an einer atypisch verlaufenden Pesterkrankung im Krankenhaus mit dem Gesicht zur Wand, das Kreuz umfassend. Dann verschwindet die Pest ebenso unerklärlich wie sie in die Stadt gekommen war.

Liebe Grüße von Renate Gottschewski

Renate Gottschewski